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Anna nicht vergessen - pp 198

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Mehr laufend als gehend, mit pochendem Kopf, erreichte Herr Gabriel die Halle vor dem Wartesaal Ost um Viertel vor drei. Er mußte sich erst beruhigen, so atemlos hatte ihn die Lauferei gemacht, ehe er sich imstande sah, einen Gehilfen herbeizuwinken, der schon unter seiner, Herr Gabriels, Leitung Kaufpreise eingehoben und Waren ausgefertigt hatte. Der Gehilfe möge unter den Gepäckstücken, die noch zur Versteigerung stüden, eines nennen, das besonders vielversprechend sei, er, Herr Gabriel, habe Pläne damit.
Ohne sich mit Fragen oder Erklärunge aufzuhalten, als ob die Dinge längst abgesprochen seien, bezeichnete der Gehilfe einen buckelalten Koffer, worauf Herr Gabriel eilig einen Platz in der ersten Reihe einnahm und wenig später unter dem Applaus der alten Bekannten, der verschrobenen Greisinnen und Fetischisten, die keine Versteigerung versäumten, den besagten Koffer zugeschlagen bekam. Plötzlich redeten alle Leute. Doch Herr Gabriel faßte den Griff, einen handfesten Ledergriff, und entfernte sich rasch.
Der Koffer war gar nicht schwer. Er umschmeichelte Herrn Gabriels Schritte wie ein wertvoller Degen oder ein vertrautes Tier.
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  Südbahnhof

Near fragment in time

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The house in which we lived and where I grew up, Franz-Josef-Kai 65, stood at the corner between the Kai and the Theresienstraße, both with names of the Habsburg royalty who enjoyed the love and gratitude of Viennese Jews, including my parents. The window of my grandparent´s flat all looked down on the elegant Kai bordering the Donaukanal, but all but one window in our apartment looked onto the quite humble Theresienstraße and more specifically onto the Rossauerkaserne. The latter is an imposing large red brick barrack- a building stretching over several blocks with battlements on top, all around. It was then and I believe it still is, in active use. “I am sick and tired of looking at the barracks”, writes my father, in 1927, eagerly planning a vacation. The Rossauerkaserne was not within talking distance, but close enough for some friendly casual interchanges between some of our household help and the soldiers who lived there, although my last Fräulein, the one I remember best and who stayed with us for the last six years in Vienna was above such fooleries. Twice, in my later life, I had occasion to return to this childhood flat. The second time, only a few years ago, the flat was empty, about to be redecorated. I bent out of the corner bay window and saw a magnificent view, following the Donaukanal, with the Kahlenberg and the Wienerwald still visible in the distance. (…) straight ahead from the same widow, one could see the Augartenbrücke leading from our first Bezirk (districe) across the Donaukanal to the second Bezirk, the Leopoldstadt.
pp 111 from Living in the shadow of the Freud family by Ernestine Drucker Freud

Near fragment in space

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Die Parkbank im Belvedere war solide wie ein Metallbett. Das einzige, was mich etwas störte, war die Aufschrift auf ihrer Lehne. Immer wenn ich mich nach rechts drehte, starrte ich genau auf die „Bin Eigentum der Stadt Wien“-Aufschrift. Ich konnte nur hoffen, dass sich das nicht allzu nachhaltig auf meine Psyche auswirkte. Aber wenn ich mich nach links drehte, sah ich dafür das Schloss Belvedere. Es wurde von allen Seiten von Scheinwerfern beleuchtet und sah aus wie aus einem Märchen. Zum ersten Mal dachte ich etwas freundlicher an Herrn Kuka. Denn so wie es aussah, schlief ich zwar im Freien, hatte aber die schönste Aussicht in der Stadt erwischt.
pp 63 from Herrn Kukas Empfehlungen by Radek Knapp