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Bis zur Neige - Ein Fall für Berlin und Wien - pp 119-120

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Wien war wie ausgestorben, am Franz-Josefs-Kai glitt sie durch eine grüne Welle, und selbst am Schwedenplatz nicht der geringste Stau. Anzeichen von Zivilisation sah sie lediglich beim berühmten Eisgeschäft, da bevölkerten kleine Menschengruppen die raren schattigen Plätze. Auf der Ringstraße kutschierten ein paar Fiaker japanische Touristen, die sich durch die Hitze nicht beeindrucken ließen und jedes Gebäude knipsten. Seit fast zwanzig Jahren lebte Anna jetzt in Wien, aber eine Fiakerfahrt hatte sie noch nie unternommen. Die ersten Jahre hätte sie sich das schlicht nicht leisten können, und außerdem spürte sie immer noch das Landkind in sich: Pferde gehörten auf eine Wiese und nicht in die Asphalthölle der Wiener Ringstraße.
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"Seine Majestät!", rief der Kutscher ehrfürchtig.
Sie standen genau an der Kreuzung zur Mariahilfer Straße. Hier fuhr täglich zweimal der Kaiser in seiner Kutsche durch. Morgens von Schönbrunn zu den Regierungsgeschäften in die Hofburg und am Abend wieder zurück. Tag für Tag winkten die Schaulustigen am Straßenrand dem alten Herrscher zu und stellten ihre Uhren nach ihm, den Seine Majestät war die Pünktlichkeit in Person. Heute am Sonntag fuhr er zu ungewohnter Stunde vorbei. Alle Fiaker und Fuhrwerke hielten an und ließen das kaiserliche Gespann passieren. Gustavs Kutscher erhob sich vom Kutschbock, lüftete seinen Halbzylinder und verbeugte sich tief.
Gustav bewegte sich nicht. Für den Kaiser Franz Joseph hatte er nicht viel übrig. Wenn die schöne Kaiserin Sisi vorbeigefahren wäre, hätte er sich sicher aus dem Fenster gelehnt und ihr zugewunken.
Bis zur Baustelle des neuen Sezessionsgebäudes, das der berühmte Architekt Joseph Maria Olbrich als Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst erreichtete, kam seine Drosche nur im Schritttempo vorwärts. Danach ging es recht flott weriter zum Schwarzenbergplatz.
Im Café Schwarzenberg ging es sonntagnachmittags zu wie im Wurstelprater. Der Klavierspieler beendete gerade die Tritsch-Tratsch-Polka, als Gustav das Lokal betrat. Mohnstrudel, Nusskipferl, Guglhupf und üppige Tortenstücke, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, wurden von hekteischen Kellnern im Sekundentakt an seiner Nase vorbeigetragen. Fröhlich lärmende Gäste, lautes Geschirrgeklapper und klingende Kassen ließen Gustav bald die Flucht ergreifen.
Zum Glück fand er am Fiakerstand gegenüber beim Hotel Imperial eine Droschke. Auf der Praterstraße kamen sie wieder zum stehen. An diesem herrlichen Hochsommertag schien ganz Wien auf die schattigen Wiesen und in die kühlen Wälder des Praters zu flüchten.
Als sie endlich bei der mindestens acht Meter hohen Gedenksäule für Admiral Tegetthoff, dem Sieger in der Schlacht von Lissa - einer der wenigen, wenn nicht gar die einzige Seeschlacht, die Österreichs ruhmreiche Marine je gewonnen hatte -, ankamen, bat Gustav den Kutscher, ihn aussteigen zu lassen. Die Hitze und das fürchterliche Geschaukel hatten seine Übelkeit verstärkt. Er beschloss, gegen das Pochen in seinem Kopf und das flaue Gefühl in seinem Magen anzukämpfen, indem er zu Fuss zur Hauptallee ging.
Nach den vielen Schnäpsen konnte er sich nicht mehr genau erinnern, in welchem der drei großen Kaffeehäuser er mit Margarete von Leiden verabredet war. Schnellen Schrittes eilte er zum Wurstelprater.
pp 124-125 from Der Tod fährt Riesenrad by Edith Kneifl

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Eine Strategie! Ja, dachte Breuer auf dem Heimweg im Fiaker, es wurde höchste Zeit, dass auch er sich eine Strategie überlegte. So sehr war er damit beschäftigt gewesen, Nietzsche in die Falle zu locken, dass er bislang keinen Gedanken daran verschwendet hatte, wie er den Fang zähmen sollte, der nun auf Zimmer 13 der Lauzon-Klinik festsaß. Während der Fiaker schwankte und holperte, wandte sich Breuer also strategischen Überlegungen zu. Ein schöner Schlamassel; Anhaltspunkte gab es keine, geschweige denn Schulfälle. Er müsste eine vollkommen neue Behandlungsmethode erfinden. Am besten, er besprach die ganze Sache mit Freud; der begrüßte jede solche Herausforderung. Breuer bat Fischmann, am Spital anzuhalten und Doktor Freud ausfindig zu machen.
Das Wiener Allgemeine Krankenhaus, in dem Freud als Aspirant klinische Erfahrung für die spätere eigene Praxis sammelte, glich einer Stadt in der Stadt: In einem Dutzend Gebäudekarrees mit jeweils geschlossenem Hof, von welchen jedes eine eigene Abteilung beherbergte und welche alle durch ein Labyrinth unterirdischer Gänge miteinander in Verbindung standen, waren zweitausend Patienten untergebracht. Eine vier Meter hohe Mauer riegelte die Außenwelt ab.
Fischmann, mit den verschlungenen Wegen bestens vertraut, eilte von dannen, um Freud von seiner Abteilung zu holen. Minuten später schon kehrte er allein zurück. »Doktor Freud ist nicht im Hause. Doktor Hauser sagte mir, er wäre vor einer Stunde in sein Stammlokal gegangen.«
Das von Freud frequentierte Kaffeehaus, das Café Landtmann am Franzensring, lag nur wenige Straßenzüge entfernt, und dort traf Breuer seinen Freund auch an. Er saß allein vor einem Braunen und studierte ein französisches Literaturjournal. Im Café Landtmann verkehrten vorwiegend Ärzte, klinische Aspiranten und Medizinstudenten. Obschon weniger exklusiv als Breuers Stammcafé Griensteidl, abonnierte das Landtmann über achtzig Zeitungen und Zeitschriften, mehr vielleicht als jedes andere Wiener Kaffeehaus.
»Sigmund, lassen Sie uns auf eine Leckerei zu Demel gehen. Ich habe Neuigkeiten über den Migräne-Professor.«
Im Nu war Freud aufbruchsbereit. Er schwärmte leidenschaftlich für die illustre Wiener Hofzuckerbäckerei, konnte sich einen Besuch jedoch nur dann leisten, wenn er eingeladen wurde. Zehn Minuten darauf saßen sie an einem ruhigen Ecktisch. Breuer bestellte zwei Braune, ein Stück Schokoladenkuchen für sich selbst und für Freud Zitronencremetorte mit Schlag, welche dieser so gierig verschlang, dass Breuer seinen jungen Freund drängte, sich vom silbernen Kuchenwagen ein zweites Stück auszuwählen. [...] »Aber ja!« Breuer war begeistert. »Eine bedeutsame Einsicht!« Er ließ ein paar Kupferkreuzer auf dem Tisch liegen, und dann schlenderten er und Freud hinaus auf den Michaelerplatz. »Wenn mein Patient diesen anderen Teil in sein Ich aufnehmen könnte, wäre viel gewonnen. Wenn er einzusehen vermöchte, wie natürlich es ist, Trost von seinen Mitmenschen zu erhoffen, das genügte schon!«
Sie gingen den Kohlmarkt hinab und trennten sich dann im Gedränge am Graben. Freud schlug den Weg durch die Naglergasse zum Krankenhaus ein, Breuer schlenderte über den Stephansplatz Richtung Bäckerstraße. Die Nummer 7 lag schräg hinter den hochaufragenden romanischen Türmen des Westwerkes des Stephansdoms.
pp 217-226 from Und Nietzsche weinte by Irvin D. Yalom