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Selige Zeiten, brüchige Welt - pp 40-46
Warum erzählte Leo dies alles so ausführlich, als er acht Tage später, eben erst wieder von seiner Verkühlung genesen, Judith im Café Landtmann traf? Judith wirkte unkonzentriert und ungeduldig, sie saßen in einer Fensterloge, und Judith blickte immer wieder durch die Glasscheibe hinaus auf die Ringstraße oder an Leo vorbei durch den Raum des Lokals, als suche sie den Kellner um zahlen zu können und sofort zu gehen.[...] Leo wandte den Blick vom schwarzen Smoking des Kellners hin zum Fenster, hinter dem er im ganzen nichts als eine ungeheure Rennerei sah, die Menschen fegten nur so durch die Ringstraße, wie Rudel von schwarzen Schatten liefen sie in der anbrechenden Dunkelheit vor dem Kaffeehausfenster vorbei, Autogehupe war zu hören, und - waren das Schüsse?[...] Vor dem Café nahm Leo erschrocken Judith an der Hand, ein wollener Fäustling in einem klobigen pelzgefütterten handschu, eine klumpige Empfindung ohne das klare Gefühl einer Berührung, der Platz zwischen dem Café und dem Burgtheater und die Ringstraße waren voll von Menschen, tausende von menschen, alles war in einer unerhörten Bewegung, Gerenne, Geschiebe, der Fäustling schlüpfte aus der pelzigen klammer des Handschuhs, dort hinüber! rief Judith, Leo lief ihr nach[...]. Leo lief mit eingezogenem Kopf seitlich weg, da explodierten Knallkörper und Böller , er wollte in die Nebenfahrbahn der Ringstraße ausweichen[...]. Er drückte sich an die Hauswand, es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm, Lehr-frei-heit! Lehr-frei-heit!, wo war Judith? Leo stürmte wieder los, in die Richtung, in die Judith vorhin gelaufen war, was war das?[...] Plötzlich befand er sich an den Stufen des Burgtheaters, er lief hinauf, versteckte sich halb hinter einer Säule und sah von dieser Position das ganze Gewimmel.
Near fragment in time
Ann-Marie lehnte sich zurück, schloß die Augen und träumte vom dritten Wiener Gemeindebezirk.
Nach Vaters Pensionierung waren ihre Eltern aufs Land gezogen, doch aufgewachsen war sie in einem Eckhaus in der Erdbergstraße. Das Service mit dem Zwiebelmuster, das nur an Sonn- und Feiertagen verwendet wurde, hatte, jedesmal wenn die Straßenbahn vorbeifuhr, gefährlich zu klappern begonnen. Und abends, wenn der Vater von der Arbeit heimgekommen war - er war am Landstraßer Bahnhof beschäftigt gewesen -, hatte er den Fernsehapparat eingeschaltet und war bis Mitternacht oder zumindest bis zur Bundeshymne vor dem flimmernden Bildschirm gesessen. Da er schwerhörig war, lief der Kasten immer in voller Lautstärke. An Lärm hatte es in ihrer Kindheit nie gemangelt.
Ob das dreistöckige Zinshaus, in dem sie gewohnt hatten, noch stand? Es wurde viel gebaut in Wien, wahrscheinlich hatte sich in Erdberg alles verändert. Vielleicht hatte auch der kleine Beserlpark, in dem sie ihre ersten Raufereien und ihr ersten Küsse glücklich überstanden hatte, dem U-Bahnbau weichen müssen.
pp 9-10 from Zwischen zwei Nächten by
Nach Vaters Pensionierung waren ihre Eltern aufs Land gezogen, doch aufgewachsen war sie in einem Eckhaus in der Erdbergstraße. Das Service mit dem Zwiebelmuster, das nur an Sonn- und Feiertagen verwendet wurde, hatte, jedesmal wenn die Straßenbahn vorbeifuhr, gefährlich zu klappern begonnen. Und abends, wenn der Vater von der Arbeit heimgekommen war - er war am Landstraßer Bahnhof beschäftigt gewesen -, hatte er den Fernsehapparat eingeschaltet und war bis Mitternacht oder zumindest bis zur Bundeshymne vor dem flimmernden Bildschirm gesessen. Da er schwerhörig war, lief der Kasten immer in voller Lautstärke. An Lärm hatte es in ihrer Kindheit nie gemangelt.
Ob das dreistöckige Zinshaus, in dem sie gewohnt hatten, noch stand? Es wurde viel gebaut in Wien, wahrscheinlich hatte sich in Erdberg alles verändert. Vielleicht hatte auch der kleine Beserlpark, in dem sie ihre ersten Raufereien und ihr ersten Küsse glücklich überstanden hatte, dem U-Bahnbau weichen müssen.
Near fragment in space
Aber was sind alle diese Städte gegen Wien, sagte er. Wir hassen diese Stadt und lieben sie doch, wie keine andere, sagte er. Wie wir, zugegeben, auch das Burgtheater hassen und doch lieben wir kein anderes.
pp 186 from Holzfällen by
