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Der Komet - pp 48

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Zwei Wochen später ging Alexej von Repin durch das Häuserlabyrinth der Josefstadt. Er schlenderte ohne Plan oder Ziel, er flanierte nur so vor sich hin. Er wanderte die Lazarettgasse entlang, die wohl deshalb so hieß, weil das Krankenhaus gleich hinter ihr lag, bog nach links in die Pelikangasse ab (vorbei an einer großen Metzgerei, die, wie die hebräischen Schriftzeichen in ihrem Schaufenster verrieten, mehr wahr als nur koscher, nämlich "glattkoscher"), überquerte die Alserstraße, ließ willenlos zu, dass seine Füße ihn die Kochgasse entlangtrugen (hier kam Alexej ein Pulk von Talmudschülern entgegen, nicht umsonst hieß die Leopoldstadt "Mazzesinsel"); er bog am Post- und Telegrafenamt (eigentlich seltsam, dass es so hieß, telegrafierte denn heute noch jemand?) wiederum links in die Florianigasse ein und spazierte am Schönbornpark vorbei (einer angestaubten grünen Oase in diesem steinernen Meer); und dann, während hinter ihm rostrot das Tageslicht im Westen versank, folgte er der Straße einfach immer weiter auf den Ring und die Innere Stadt zu.
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"Erika geht über freie Plätze vor Museen. tauben fliegen auf. Vor dieser Entschlossenheit! Touristen gaffen zuerst auf die Kaiserin Maria Theresia, dann auf Erika, dann wieder auf die Kaiserin. Flügel knattern. Öffnungszeiten sind angeschlagen. Die Straßenbahnen auf dem Ring gehen auf Ampeln los. Sonne flimmert durch den Staub. Hinter dem Gitter des Burggartens beginnen junge Mütter ihren Tagesmarsch, Die ersten Verbote werden auf Kieswege hinabgeschleudert. Von ihrer Höhe hinab tropfen die Mütter ihren Geifer. Anschwellendes Geheul, die Wunderwaffe, antwortet darauf. Allerorten verständigen sich jetzt zwei oder mehrere. Kollegen finden sich zusammen, Freunde geraten in Streit. Autofahrer rinnen energisch über die Opernkreuzung, weil die Fußgänger ihnen aus den Augen gegangen sind und sich nur mehr im Untergrund aufhalten, wo sie Schaden, den sie anrichten, selber verantworten müssen. Sie finden dort keine Sündenböcke: die Autofahrer. Geschäfte werden betreten, nachdem sie von außen ausführlich begutachtet wurden. Einige schlendern bereits ohne Ziel. Die Bürobauten am Rind schlucken Person um Person, welche sich mit Export und Import befaßt. in der Konditorei Aida sehen Mütter der geschlechtlichen Betätigung der Töchter ins Auge, die ihnen gefährlich verfrüht erscheint vom Beginn an. Sei preisen den Einsatz ihrer Söhne in Schule und Sport.
Die Verirrung eines leibhaftigen Messers umgreift Erika Kohut in ihrer Handtasche. Geht ein Messer auf die Reise oder wird sich Erika auf den Canossagang zu männlicher Verzeihung machen? Sie weiβ es noch nicht und wird es erst an Ort und Stelle entscheiden. Noch ist das Messer Favorit. Tanzen soll es! Die Frau steuert die Secession an und hebt frei das Haupt zur Blätterkuppel. Darunter zeigt ein stadtbekannter Künstler heute etwas, nach dem die Kunst nicht mehr sein kann, was sie vorher war. Von hier aus ist die Technik, der Gegenpol zur Kunst, schon ferne sichtbar. Erika muß nur noch die Kreuzung unterqueren und durch den Resselpark. Fallweise weht Wind. Stimmen jugendlicher Wißbegier häufen sich hier schon. Blicke streifen Erika, die sich ihnen stellt. Endlich streifen auch mich einmal Blicke, frohlockt Erika. Solchen Blicken ist sie Jahre um Jahre aus dem Weg gegangen, indem sie einhäusig blieb.
Doch was lange währt, wird endlich doch scharf hervorstechen. Nicht unbewaffnet setzt sich Erika den Blicken aus, braves Messer du.
Jemand lacht. Nicht jeder lacht so laut. Die meisten lachen nicht. Sie lachen nicht, weil sie außer sich selbst nichts anderes sehen. Sie bemerken Erika nicht. Gruppen junger Leute gerinnen aus dem flieβenden Strom heraus. Sie bilden Stoβtrupps und die Nachhut.
Engagierte junge Menschen machen entschlossen Erfahrungen. Sie sprechen andauernd darüber. Die einen wollen Erfahrungen mit sich machen, die anderen lieber Erfahrungen mit anderen, je nach Wunsch.
Vor der Fassade der technischen Hochschule auf Säulen die metallischen Männerköpfe berühmter Naturwissenschaftler dieses Instituts, die Bomben und Stauwerke erfanden.
Krötenartig hockt die riesige Karlskirche inmitten einer öden Wüstenei, in der ihr immerhin keine Autoabgase mehr drohen. Wasser sprudelt selbstsicher geschwätzig herum. Man geht rein auf Stein, außer im Resselpark, der eine grüne Oase vorstellen soll. Auch mit der U-Bahn kann man fahren, wenn man nur will."


pp 282-284 from Die Klavierspielerin by Elfriede Jelinek

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Sie waren noch keine zweihundert Meter gefahren, als Helmut Motzko sich vorbeugte und auf den CD-Player deutete. »Darf ich?« »Klar, zahlt sich aber kaum aus, wir fahren ja nur in die Florianigasse.« »Wie weit ist das denn?« »Im achten Bezirk. Keine zehn Minuten. Wie lange sind Sie denn schon in Wien?« »Knapp zwei Jahre. Viel hab ich noch nicht gesehen.« »Und woher kommen Sie?« »Südburgenland.« »Das hört man aber nicht.« »Ja, meine Eltern haben immer Wert darauf gelegt, schön zu sprechen. Die sind aber auch keine Burgenländer, die sind so Aussteiger, die irgendwann beschlossen haben, einen auf Biobauern zu machen.« »Und dann wird der Sohn Polizist?« »Ja, das fanden sie auch nicht so toll. Ihr Polizistenbild ist nicht unbedingt das vom Freund und Helfer.« »Aber Sie haben’s trotzdem gemacht. Find ich gut.« Helmut Motzko murmelte verlegen etwas aus dem Fenster und drückte auf Play. In Sankt Elisabeth/feiern die Kranken/und in Sankt Rochus/steht schon lang eine Uhr/in Sankt Marx dort droben/stirbt uns ein Bettler/drunten am Heumarkt/lacht eine Hur/die Polizisten/ordnen Verbrecher/und die Verbrecher/ordnen das Geld… »Dass mir das einmal gefällt, hätt ich nicht gedacht.« »Ich kann Ihnen die CD mal brennen.« »Das ist illegal.« »Verraten Sie mich einfach nicht.« In der Florianigasse fanden sie direkt vor der Haustür einen Parkplatz. Anna sah aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite. »Hier hab ich mal gewohnt.« Motzko fragte aus reiner Höflichkeit: »Wann?« »Ach, das ist schon lange her.« Anna blieb noch einen kurzen Moment sitzen und betrachtete die Fassade des grauen Hauses.
pp 217-218 from Bis zur Neige - Ein Fall für Berlin und Wien by Petra Hartlieb, Claus-Ulrich Bielefeld