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Die Klavierspielerin - pp 139-140
"Erika stiefelt, von der Dunkelheit angezogen, in die Wiesen hinein, die sich, durchzogen von Busch- und Waldwerk und Rinnsalen, hier ruhig breitmachen. Sie liegen einfach da und sie tragen Namen. Das Ziel ist die Jesuitenwiese. Bis dahin ist es noch ein schönes Stück zu wandern, Erika Kohut mißt es gleichmäßig mit ihren Wanderschuhen ab. Jetzt der Wurstelprater, Lichter blitzen fern auf und jagen rasch dahin. Schüsse knallen, Stimmen grölen siegreich. Jugendliche kreischen gemeinsam mit ihren Kampfgeräten in den Spielhallen oder rütteln schweigend an den Apparaten, die dafür ihrerseits umso lauter rattern, klingeln und klirren und Blitze schleudern.
Near fragment in time
Zwei Wochen später ging Alexej von Repin durch das Häuserlabyrinth der Josefstadt. Er schlenderte ohne Plan oder Ziel, er flanierte nur so vor sich hin. Er wanderte die Lazarettgasse entlang, die wohl deshalb so hieß, weil das Krankenhaus gleich hinter ihr lag, bog nach links in die Pelikangasse ab (vorbei an einer großen Metzgerei, die, wie die hebräischen Schriftzeichen in ihrem Schaufenster verrieten, mehr wahr als nur koscher, nämlich "glattkoscher"), überquerte die Alserstraße, ließ willenlos zu, dass seine Füße ihn die Kochgasse entlangtrugen (hier kam Alexej ein Pulk von Talmudschülern entgegen, nicht umsonst hieß die Leopoldstadt "Mazzesinsel"); er bog am Post- und Telegrafenamt (eigentlich seltsam, dass es so hieß, telegrafierte denn heute noch jemand?) wiederum links in die Florianigasse ein und spazierte am Schönbornpark vorbei (einer angestaubten grünen Oase in diesem steinernen Meer); und dann, während hinter ihm rostrot das Tageslicht im Westen versank, folgte er der Straße einfach immer weiter auf den Ring und die Innere Stadt zu.
pp 48 from Der Komet by
Near fragment in space
Im westlichen Winkel des Praters zwischen Ausstellungsstraße und Hauptallee liegt wie ein vergammeltes Torteneck der Wurstelprater. Schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden hier die ersten Marktbuden, nachdem Joseph II. das kaiserliche Jagdgebiet zur allgemeinen Benutzung freigegeben hatte. Im Jahr 1840 nahm der legendäre Schausteller Basileo Calafati das erste große Ringelspiel in Betrieb. Johann Fürsts Singspielhalle und Präuschers Panopticum folgten, dann Baschiks Theater für Zauberei, Reinprechts Pony-Karussell und das Varieté der Gebrüder Leicht. Gemeinsam begründeten sie einen der größten und merkwürdigsten Vergnügungsparks Europas: Wer ihn betritt, wird zum Grenzgänger zwischen Geschmacklosigkeit und Poesie, Modernität und Verstaubtheit, Manie und Melancholie. Tagsüber und abends von den Marktschreiern regiert, verwandelt sich der Wurstelprater nach Mitternacht zum Jadgrevier der Huren und Diebe; und nichts vermag darüber hinwegtäuschen, dass das morbide Wiener Karma von Jahrhunderten auf ihm lastet. Am Haupteingang ragt, der Innenstadt zugewandt, sein Wahrzeichen auf – das Riesenrad. Fünfundsechzig Meter hoch, ist es zugleich das verstaubte Fanal und die alternde Diva des Wurstelpraters. Gemächlich und müde dreht es seine Runden, und jedes Mal, wenn einer der fünfzehn Waggons den Zenit erreicht, hält es an und steht still – angeblich, um seinen Passagieren am Boden das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Aber das ist nur ein Vorwand. Es will sich einfach ausruhen, das Riesenrad. Acht Minuten vor zehn lässt Huber den Wagen um das Rondeau des Pratersterns schlittern, überfährt noch rasch eine gelbe Ampel und hält mit quietschenden Reifen auf dem großen Busparkplatz gegenüber dem Planetarium.
pp 231 from Der Fall des Lemming by
