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Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für sie tun? - pp 22
Er sinnierte darüber, wie sehr sein Leben durch den Verlauf der U-Bahn-Linie 3 strukturiert wurde. Ohne Umsteigen erreichte er seine Lieblingslokale, seine Lieblingskinos, das Museumsquartiert alle seine ÄrztInnen und jetzt auch noch seinen Job. Nie hätte er ihn angenommen, lieber wieder sechs Wochen ohne Bezug und Betteln beim Sozialamt – wäre da nicht die U3.
Near fragment in time
Gernot Hofer, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Hofer? Gernot? Wie sollte sich das ausgehen, wunderte sich Schäfer, dem dieser Name geläufig war, seitdem er zum ersten Mal die Spiegelgrund-Ausstellung besucht hatte, über die er schließlich mit einem Theologen und einem Historiker vor einer großteils desinteressierten Schulklasse referiert hatte. Gernot Hofer war einer der Ärzte auf der Baumgartner Höhe gewesen, die unter dem Vorwand des „minderwertigen Lebens“ Kinder und Behinderte in einen qualvollen Tod geschickt hatten. Doch Hofer war Mitte der Siebziger gestorben. Schäfer gab den Namen in eine Suchmaschine ein. Arme Sau, dachte er, nachdem er die ersten paar Links geöffnet und überflogen hatte. Gernot Hofer junior, der Mann, der Kastor behandelt hatte, war der Sohn des Folterarztes vom Spiegelgrund.
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