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Der Fall des Lemming - pp 83
Den Nachmittag hat der Lemming mit der Suche nach den ehemaligen Schülern des Iden-Clubs verbracht. Er ist zunächst auf das Postamt in der nahe gelegenen Porzellangasse gegangen, um dort Telefonbücher zu durchforsten. Nur drei der Namen hat er darin gefunden, aber einen dafür gleich mehrmals. Alleine in Wien wohnen fünf Männer, die Franz Sedlak heißen. Noch ein Glück, so hat der Lemming gedacht, dass ihm ein Meier oder ein Huber erspart geblieben ist. Außer den Sedlaks waren noch Peter Pribil und Walter Steinhauser angeführt, beide im Wiener Telefonverzeichnis. Der Lemming hat sich die Nummern und Adressen notiert und ist dann mit Tramway und U-Bahn zum Zentralmeldeamt im fünfzehnten Bezirk gepilgert. Für jeweils dreißig Schilling Bearbeitungsgebühr kann man hier Personen ausfindig machen, sofern sie ihren ordentlichen Wohnsitz in Wien haben uns sofern man sich eine Woche gedulden will, um auf positive Erledigung seines Antrags zu warten.
Near fragment in time
Gerd fuhr jüngst mit der Linie U3 Richtung Ottakring. (So beginnen große Geschichten.) In der Station Schweglergasse fällt sein Blick auf einen brennenden Mistkübel. Gerd steigt aus, ergreift den Feuerlöscher und erstickt die Flammen. Eine Rußwolke zieht über den Bahnsteig und verlässt (mit den meisten Passanten) die Station. Gerd meldet den Vorfall der Stationsleitung. Kurze Zeit später erscheint ein entspannter Bediensteter der Wiener Linien mit einer Wasserflasche in der Hand, erfasst die Situation und murrt: "Na super, danke, jetzt kömma den Reinigungsdienst holen!" Der gebrandmarkte Löscher entgegnet: "Hören Sie, der Kübel war unbeaufsichtigt. Ich konnte ja nicht wissen, dass da schon wer unterwegs ist, um den Brand zu bekämpfen." Darauf der Bedienstete: "Es ist immer wer unterwegs." Sagt es, nimmt den Feuerlöscher und geht.
Diese Geschichte schreit nach einer Moral für uns Fahrgäste: Entdecken wir in einem U-Bahn-Schacht Feuer, so lassen wir es brennen! Es besteht kein Grund zur Sorge. Und sollte es aus fünfzehn Mistkübeln gleichzeitig qualmen, so heben wir unsere Daumen zur öffentlichen Wertschätzung. Die Wiener Linien haben alles im Griff. Bei denen ist immer wer unterwegs.
pp 118 from Die Vögel brüllen: Kommentare zum Alltag by
Diese Geschichte schreit nach einer Moral für uns Fahrgäste: Entdecken wir in einem U-Bahn-Schacht Feuer, so lassen wir es brennen! Es besteht kein Grund zur Sorge. Und sollte es aus fünfzehn Mistkübeln gleichzeitig qualmen, so heben wir unsere Daumen zur öffentlichen Wertschätzung. Die Wiener Linien haben alles im Griff. Bei denen ist immer wer unterwegs.
Near fragment in space
Soweit ich mich zurückerinnern konnte, trug meine Mutter immer Stützstrumpfhosen. Ihre Beine hatten eine Neigung zu Krampfadern. Meine Mutter meinte, die Stütz-strumpfhosen würden das Schlimmste verhindern. Später, als mein Vater schon viel Geld verdiente, ging sie mehrmals in die Privatordination von Dr. Staudacher, einem bekann-ten Wiener Gefäßchirurgen, der sie am rechten Bein ope-rierte und einige Stellen am linken Bein mit Injektionen be-handelte. Sie war mit dem Ergebnis zufrieden, trug aber weiter ihre Stützstrumpfhosen. Das Wissen um die Qua-litäten ihrer Stützstrumpfhosen gab sie an Bekannte wie eine Geheiminformation weiter. Sie nannte immer das Geschäft in der Mariahilfer Straße, wo diese Strumpfhosen zu bekommen waren, mit gedämpfter Stimme, als wäre es die Adresse einer Pornobar. Meine Mutter hatte noch ein zu-sätzliches Problem, sie hatte kurze Beine. Die von der Länge passende Stützstrumpfhose mit der Nummer 40 war ihr zu eng, sie presste ihr das Blut aus den Beinen. Sie brauchte eine Stützstrumpfhose mit Schenkelüberweite. Aber die war schwer zu bekommen. Am Anfang musste die Strumpfhose meiner Mutter im Geschäft in der Mariahil-fer Straße immer eigens bestellt werden. Nach etwa einer Woche kam der Anruf. Die Stützstrumpfhose sei zum Abholen bereit. Später war meine Mutter in dem Geschäft in der Mariahilfer Straße schon so gut bekannt, das immer eine ihrer Spezialstrumpfhosen auf Lager war. Vielleicht auch, weil meine Mutter diesem Geschäft viele Kunden zu-geführt hatte. Im Bekanntenkreis meiner Mutter gab es bald keine Frau mehr, die nicht Stützstrumpfhosen trug. Selbst die Therapiegaby, deren nackte Füße ich immer bewundert hatte, stand eines Tages, als sie meine Mutter zum Kino abholte, in einer Stützstrumpfhose da.
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