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Zwischen neun und neun - pp 14
Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehenzubleiben; er schien sich nur als Verkehrshindernis wirklich wohl und behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang, konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen Tramway zu bringen.
Near fragment in time
Deß zum Zeichen erhebt sich noch heute aus Zeiten vor einer anständigen Jahreszählung und Stadtchronik der sogenannte "Stock im Eisen". Das war einmal ein wichtiger alter Baum, eine Esche, eine Eicher oder so etwas, der stand mitten in der Stadt mit ihren Ringmauern, einen guten Steinwurf weit von dem Platz, auf dem sich heute der "Steffel" (Stephansdom) erhebt. Wirklich, dieser Struk steht heute noch da, mit Eisenbändern an den Marmorblock geschmiedet, der zum Fundament eines modernen Riesengebäudes gehört. Fremde kommen ihn sehen. Er ist von Eisentragen verbessert, wo er aus Alter und Schwere einknicken will. Aus Schwere: denn er ist über und über mit Eisennägeln beschlagen, dicht aneinander, wie von einem Klitterpanzer, und von dieser Haut ist er, neben dem Alter wie durch einen Anähnlichungsprozesß durch- und durchgeeisent. Er steht also auf einem Sockel in einer Nische. In dem Gebäude haust eine große Bank - in jeder Ecke haust heute natürlich eine Bank, früher waren es Cafes, hier entstanden die Banken an kleinen Tischchen bei langen Geschäftsgesprächen - und ein Reisebüro. Nämlich, der Baum im Eisen bekam soviel Nägel, weil jeder Handwerksbursch verhalten war, dort einen hineinzutreiben, wenn er Wien passierte; es war das ein religiöses Gleichnis und irgend ein heiliger Fluch wurde dabei gemurmelt. Aus der Schwere des Baumes im Eisen mag man nun erwägen, wie Viele ihrer da vorbeigekommen sein mögen.
pp 104-105 from Wien by
Near fragment in space
Als sie durch das Servitenviertel in die Liechtensteinstraße bog, bemerkte sie, dass der Himmel sich verdunkelte. Das Liechtenstein Museum war in dramatisches Licht getaucht und wirkte dadurch noch imposanter, als es ohnehin schon war. Im Mai hatte Anna zusammen mit einer Freundin aus Italien fast einen ganzen Sonntag in diesem Museum verbracht, und beide waren schwer beeindruckt von Palais, Park und Kunst gewesen. Anna konnte es kaum fassen, dass all die Rubens, van Dycks und Rembrandts im Privatbesitz des Fürsten von Liechtenstein waren – der Wert dieser Privatsammlung überstieg ihr Vorstellungsvermögen. Und dieser Fürst war nicht etwa eine historische Figur, verewigt in einem düsteren Ölschinken, nein, er war eine lebende Person mit Familie, was von einem Schwarzweißporträt im Treppenhaus bezeugt wurde. Wie ungerecht die Welt doch sein konnte… Anna wurde aus ihren Gedanken gerissen, als dicke Tropfen auf die staubige Windschutzscheibe platschten. Kurz bevor sie den Gürtel überquerte, setzte heftiger Wind ein.
pp 229-230 from Bis zur Neige - Ein Fall für Berlin und Wien by ,
