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Der Kampf um Wien - pp 0
Im Trubel der Geschehnisse hatte Ralph den Vorsatz, sich für diese »Bereitschaft« zu interessieren, vergessen. Jetzt aber, losgelöst von hundert überflüssigen gesellschaftlichen Pflichten, in der Isoliertheit eines Menschen, der aufgehört hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, kam ihm die Erinnerung an den Aufsatz des A. P., der ihn damals so tief ergriffen hatte. Und er begab sich eines Tages ins Café Central und frug seinen Freund Kriegel, der mit stoischer Ruhe der ersten Aufführung seiner Judastragödie entgegensah, ob er Näheres über die »Bereitschaft« wisse.
Dr. Kriegel hob wortlos seinen schweren Oberkörper aus dem bequemen Lehnsessel, zog die Pfeife aus dem Munde, so daß das Lächeln, das die letzten Worte des Amerikaners begleitet hatte, noch deutlicher wurde, entschuldigte sich für einige Augenblicke und ging ans Telephon.
»18766 ...Hallo! Hier Kriegel! Lieber Freund, Sie müssen sofort ins Café Central kommen. Es handelt sich um die ›Bereitschaft‹. Ich erwarte Sie.«
Dr. Kriegel hob wortlos seinen schweren Oberkörper aus dem bequemen Lehnsessel, zog die Pfeife aus dem Munde, so daß das Lächeln, das die letzten Worte des Amerikaners begleitet hatte, noch deutlicher wurde, entschuldigte sich für einige Augenblicke und ging ans Telephon.
»18766 ...Hallo! Hier Kriegel! Lieber Freund, Sie müssen sofort ins Café Central kommen. Es handelt sich um die ›Bereitschaft‹. Ich erwarte Sie.«
Near fragment in time
Aber mitten in der City stehen noch die alten Basteien und auf ihnen gelbe Kastenhäuser mit glatten Fassaden, kleinen Fenstern zwischen breiten Grundpfeilern, die große Räume ahnen lassen; da die Plafonds nieder sind, reicht das Fenster um den Raum zu hellen; von der Front ist Mörtel geschält, der Stein graut hervor, Blumenbehälter streuen Buntheit. Aber nicht überall ist Helle. Verlieren wir uns hinter die schräg angemauerten Basteien, die Albrechtsrampe, die Mölkerbastei, die (Dominikaner) Stubenbastei, die da noch von Altem zeugen, so wachsen winklig ineinander verschnittene Häuschen üppig überpackt empor. Schwibbogen turnen über die Gassen, busige Balkons laden weit aus, düster springen adlige Steinembleme aus verkniffenen Palastfronten aschigen Aussehens. Die Häuschen klettern beinahe flächig übereinander aufwärts, wie eine Verschnitzung der größeren Paläste, an die sie sich drücken. Eine Bronzeplakette an der ältesten Brücke beim Roten- Turm- Tor, die dort über den Seitenarm der großen Donau führte, der jetzt als mit dem Zirkel gezogener Kanal ausgesteint ist, zeigt im kräftig gewölbten Relief die Ansicht der alten Stadt, die sich dort vordem ein wenig bergan stufte, den Hügel hinauf, auf dessen Plateau der Stefansdom ragte und noch ragt: unter den größeren neuen Häusern verliert sich dieses Gefühl für ds Bergige, aber Wien ist hügelig. So spürt man stellenweise noch die alten Häuser an seinen Buckeln hinabrinnen. Kastanienbäume fallen über körnige Mauern vor, aus Pfarreien, meierartig im Geviert um einseitig offene Häfe gestellt, erhebt sich eine kühle seelische Wolke aus Vergangenheit, die doch so gegenwärtig und unabänderlich empfunden wird. Sieht man aber durch die dunklen, schwergetorten Einfahrten der Paläste, die auf nur doppelmannsbreite Gäßchenklemme einander andräunen, so badet der Blick in einer überraschenden Freiheit; weite reine Arkadenhöfe mit großen Brunnenteller, inmitten von Nischen, in denen Heilige träumen, blank gescharrter Boden oder Fliesen mit dünner Geometrie spenden Licht und edlen Raum zurück, man könnte sich in Italien fühlen, so streng und doch so leicht baut sich das alte Gebäu um die noble Lichtung herum. Freitreppen tänzeln gefällig zum Stockwerk, ein hoher reifer First lächelt voll Herrentums über das gegibelte Gewirr des anrainenden Gedächers.
pp 114-115 from Wien by
Near fragment in space
Sie trafen sich an jedem zweiten Dienstag im Monat um Punkt fünf Uhr nachmittags im Café Central - es sei denn, dieser Dienstag wäre auf einen christlichen oder jüdischen Feiertag gefallen: dann wurde das Treffen eben am darauffolgenden Donnerstag nachgeholt. Sie trafen sich, um Tarock zu spielen (wenn sie einen vierten Mann dafür fanden, denn sie spielten grundsätzlich nur zu viert) oder um gemeinsam über philosophische Fragen zu brüten. "Entweder tarockieren oder philosophieren", lautete ihr Wahlspruch, "am End' is' eh alles wurscht." Passten sie eigentlich ins Café Central, hätte man sie ohne Weiteres hier vermutet? Diese Frage dürfen wir getrost verneinen. Das Café Central liegt, wie wir aus berufenem Munde wissen, "unterm Wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit"; genauer gesagt befindet es sich - und das schon seit Generationen - im Innenhof des Palais Ferstel und sieht für ein Wiener Etablissement verdächtig orientalisch aus: Kreuzbögen, hohe Säulen, viele Ornamente, viel Gold, überhaupt sehr bunt, rote runde Marmortische - der Kenner hätte das Café Central exakt 243 Straßenkilometer weiter östlich platziert, also eher im schönen Budapest als hier in der Reichshauptstadt.
pp 129 from Der Komet by
