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Verlass die Stadt - pp 78-79
Zwei Mädels flanieren durch die Margaretenstraße und halten sich an den Händen: Gudrun geht mit Irmi spazieren, die vielleicht ihre neue Freundin ist. Vielleicht, denkt sie, fix ist das nicht. Sie sieht Irmi an, die tatsächlich einen Rock trägt, wegen der schwülen Hitze wahrscheinlich, die nach wie vor über der Stadt hängt und nur den Gelsen gefällt. [...]
Hier arbeitest du, oder?
Gudrun hat nicht bemerkt, dass sie schon am Margaretenplatz vorbei sind, sie wollte doch in die Pilgramgasse einbiegen, hier wollte sie auf jeden Fall nicht vorbeikommen. Und jetzt stehen sie vor Peters Lokal und sehen ihr Spiegelbild (eine große und eine kleinere Frau, die sich nicht mehr an den Händen halten) in der Fensterscheibe.
Hier arbeitest du, oder?
Gudrun hat nicht bemerkt, dass sie schon am Margaretenplatz vorbei sind, sie wollte doch in die Pilgramgasse einbiegen, hier wollte sie auf jeden Fall nicht vorbeikommen. Und jetzt stehen sie vor Peters Lokal und sehen ihr Spiegelbild (eine große und eine kleinere Frau, die sich nicht mehr an den Händen halten) in der Fensterscheibe.
Near fragment in time
Ich bin froh, dass ich zur Arbeit keine Schuhe mit Absätzen mehr trage. Meinen Blazer habe ich ausgezogen und um den Arm gewunden. Trotzdem mustern mich die Studierenden der obersten Bankreihe, als ich den Saal betrete. Im Nachbargebäude, der Wirtschaftsuniversität, wäre mein Outfit nicht aufgefallen. Ich muss an die gemeinsame Mensa der beiden Universitäten denken, wo man die Studierenden anhand der Kleidung, Frisuren und Accesoires wie Uhren und Handtaschen mit an hundert Prozent grenzender Wahrscheinlichkeit der einen oder der anderen zuordnen kann.
pp 171 from Gegen einsam by
Near fragment in space
Wer Wien im Sommer kennt, kennt das Problem mit der U-Bahn. Wer in den letzten Jahren nie im Sommer in Wien war, muss wissen, dass es in den Wagen der Wiener U-Bahn dann etweder unfassbar heißt oder dank Klimatisierung so kalt ist, dass man sich sehr leicht verkühlt, vor allem, wenn man zuvor in einer stark aufgeheizten Bahn gesessen ist.
Dieses Problem hat Gudrun im Moment nicht. Der Wagen der Linie U4, in dem sie stehen muss, ist nicht nur überfüllt; es ist auch so heiß, dass ihr schlecht wird. Ihr Kreislauf ist ohnehin nicht gut, und der Mangel an Sauerstoff und die unfreiwillige Nähe zu anderen Menschen, deren nackte Oberarme immer wieder ihre eigenen nackten Oberarme berühren, ist kaum auszuhalten. Den Schweiß fremder Menschen zu riechen ist schlimm, ihn zu spüren tut körperlich weh. Der Gurt ihrer Gitarrentasche schneidet ihr in die Haut; sie hat Angst, dass einer der hässlichen Menschen an ihre schöne Gitarre stößt. Sie muss den Impuls unterdrücken, ihre Arme zu heben und alle von sich weg zu schieben.
An der Station Pilgramgasse drängt noch Max herein, willkommen, Max, je mehr umso besser! Max sagt, hallo Gudrun, wie geht's dir? Das ist das Schöne an Wien, sagt Gudrun, es ist wie in der Provinz, ständig trifft man seine Freunde zufällig in der U-Bahn, und sie redet weiter, weil sie die Stimme von Max jetzt nicht hören will un weil sie nicht auf seine Fragen eingehen will: Aber in der Provinz gibt es keine U-Bahn, in der Provinz, da, wo wir herkommen, da gibt es nichts, da gibt es gar nichts, und jetzt muss ich, und sie springt an der Haltestelle Kettenbrückengasse raus.
pp 12-13 from Verlass die Stadt by
Dieses Problem hat Gudrun im Moment nicht. Der Wagen der Linie U4, in dem sie stehen muss, ist nicht nur überfüllt; es ist auch so heiß, dass ihr schlecht wird. Ihr Kreislauf ist ohnehin nicht gut, und der Mangel an Sauerstoff und die unfreiwillige Nähe zu anderen Menschen, deren nackte Oberarme immer wieder ihre eigenen nackten Oberarme berühren, ist kaum auszuhalten. Den Schweiß fremder Menschen zu riechen ist schlimm, ihn zu spüren tut körperlich weh. Der Gurt ihrer Gitarrentasche schneidet ihr in die Haut; sie hat Angst, dass einer der hässlichen Menschen an ihre schöne Gitarre stößt. Sie muss den Impuls unterdrücken, ihre Arme zu heben und alle von sich weg zu schieben.
An der Station Pilgramgasse drängt noch Max herein, willkommen, Max, je mehr umso besser! Max sagt, hallo Gudrun, wie geht's dir? Das ist das Schöne an Wien, sagt Gudrun, es ist wie in der Provinz, ständig trifft man seine Freunde zufällig in der U-Bahn, und sie redet weiter, weil sie die Stimme von Max jetzt nicht hören will un weil sie nicht auf seine Fragen eingehen will: Aber in der Provinz gibt es keine U-Bahn, in der Provinz, da, wo wir herkommen, da gibt es nichts, da gibt es gar nichts, und jetzt muss ich, und sie springt an der Haltestelle Kettenbrückengasse raus.
