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Chucks - pp 9-11

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Tamara war asozial, so würden das die meisten Leute wohl nennen. Keinen Job, kein Geld, Familie vielleicht, darüber sprach sie nicht. Keine Ausweise, kein Alter, manchmal eine Schlägerei. Tamara war dumm, weil sie alles tat, was ein intelligenter Mensch seinem Körper nicht antut. Aber sie überlebte immer. Und wenn es um mich ging, dann war Tamara fürsorglich und liebenswert.
Als ich sie zum ersten Mal sah, im Schatten des Stephansdoms, mitten unter weiß perückten Touristenfängern, ich war gerade vierzehn, da bat sie mich um eine Zigarettem und ich gab ihr keine. Nicht weil ich keine Zigaretten gehabt hätte, aber ich hatte mir das mit Punks immer vorgestellt wiemit streunenden Hunden: Fütterst du sie einmal, wirst du sie nie wieder los.
Ich fragte sie also, ob ich aussehen würde, als hätte ich Zigaretten, sie sagte Ja. Während ich noch damit beschäftigt war, die Kennzeichen des Zigarettenbesitzes an mir zu identifizieren, meine Mutter durfte davon natürlich nichts wissen, wollte Tamara dann doch lieber Geld.
"Davon kaufst du dir sicher nur Bier! Oder Drogen."
Tamara zog die linke gepiercte Augenbraue hoch, bekam kleine Fältchen in den Mundwinkeln, sah mich prüfend an, legte den Kopf zur Seite wie ein aufmerksamer Hund und pfiff kaum hörbar durch die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen.
"Und was, meinst du, sollte ich mir davon kaufen?"
"Keine Ahnung." Ich wollte die Hände in die Taschen stecken und fand keine an meinem Sommerkleid. Eines der Cafés fing meinen Blick. "Eis vielleicht?"
"Eis?"
"Ist ein warmer Tag heute."
"Kaufst du mir ein Eis?"
Was soll man darauf sagen. Wenig später hatten wir beide eine Eistüte in der Hand, ich Zitrone und Tamara Pistazie. Und ich war immer der Meinung gewesen, nur allte Leute mögen Pistazieneis.
Auf einmal hatte ich einen Punk und war unheimlich stolz darauf, selbst Pippi Langstrumpf hat es nur zu einem Affen gebracht.
  Chucks
  9
  11
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  Yes
  No
  (none)
  Stephansdom

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Leo Zelman beschrieb das Verhalten der österreichischen Bevölkerung gegenüber ihm als Juden pragmatisch anhand zweier Sequenzen: einer Begegnung mit dem Onkel einer Bekannten, in deren Haus er zum Essen eingeladen war.
„ […] hab ich kennen gelernt eine richtige = [lacht] Lotte, hat sie geheißen. Mädchen, dass ich mich dran erinnere. Und ihre Mutter ist zu mal gekommen und hat gesagt, Ich hab von Ihnen gehört, kommen Sie doch mal zu Weihnachten. Nach Hause zu uns in die Herrengasse. Und ich hab schon damals gewohnt am Schotten=, nicht am Schottenring, sondern am Rudolfsplatz Und ich bin dort hingekommen, natürlich auch ein Care-Paket mitgenommen, und dort konnte= der hat nicht mehr gelebt, er ist gefallen, und der Onkel ist gekommen. Und der Onkel hat schon getrunken war eines= das hat mich damals so angeekelt, seit damals trink ich keinen Wein. Und dreht sich um „Von wo bist du?“, sag ich „Ich bin von Lodz“. Wahrscheinlich hat er geglaubt, dass ich ein Volksdeutscher bin, ich hab schon ein bisschen deutsch gesprochen. Sagt er [laut am Anfang], „Na, in Lodz haben‘s wir den Juden dort gezeigt!“[laut Ende] Ich bin so blass geworden, so erschocken worden, es war ein kalter Winder, von der Herrengasse bis am Rudolfsplatz gelaufen ohne Mantel, ist mir nachgelaufen, äh, die - Lotte ist mir nachgelaufen mit dem Mantel ich bin, äh, ohne Mantel weggerannt aber ganz 0 äh […?] ich war ganz nervenschwach, hab nicht schlafen können.
pp 122 from Rückkehr in die Außenwelt: Öffentliche Anerkennung und Selbstbilder von KZ-Überlebenden in Österreich by Melanie Dejnega

Near fragment in space

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Marc und Sandra hatten auf ihrem Weg zur nächsten Adresse an einem Würstelstand angehalten und einen kleinen Imbiss zu sich genommen. Ausreichend gestärkt, setzten sie ihre Fahrt fort. Marc kam bei geringem Verkehrsaufkommen gut voran. Er fuhr die Mariahilfer Straße stadteinwärts. Vorbei am Westbahnhof, überquerte den Gürtel und bog wenig später nach links in die Neubaugasse ein. Problemlos fand er eine Parklücke. Sie stiegen aus und Marc deutete mit der Hand auf das Gasthaus zur Rechten. "Da hätten wir auch essen können", sagte er. "Beim Schnitzelwirt war ich schon ewig nicht."
pp 386 from Canard Saigon by Harald Friesenhahn