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Herzlos - pp 30-31
Die Szenen verwischten sich, je weiter ich mich vom Belvedere entfernt hatte. Die Menschen erschienen mir grau und gereizt. Alle befanden sich in einem hektischen Zustand, als wären sie soeben vor den Kopf gestoßen worden. Ich erreichte in letzter Sekunde einen Omnibus mit Linienaufschrift. (...) Ich stieg vor dem Hilton aus, dem kleineren - es gibt zwei Hiltons in Wien - und wieder überlagerten einander zwei Erinnerungen. Die eine an einen Mann mit einem nachziehbaren Koffer, ein kleiner Mann mit Backenbart, doch ich war in Eile und ließ die Erinnerung hinter mir. Wie ein hund bellte sie mir nach riss an ihrer Kette. Die andere Erinnerung, die das Hilton betraf, war weniger abgeschmackt.
In der ersten ging es um eine Fotosession.
Sie können sich denken, wie das lief, und welche Art von Klamotten in dem Nachziehkoffer waren. Sie werden nicht mehr darüber erfahren.
Ich sprang in eine überfüllte U-Bahn zum Karlsplatz. Dorthin sind stets außergewöhnliche Figuren unterwegs. Mir gegenüber, ich hatte einen Sitzplatz ergattert, erklärte eine Passagierin in gedehnten Worten ihren beiden Kindern einen Führerschein. Der Junge durfte den Ausweis halten und sich das Bild ansehen. Das Mädchen kämpfte gegen die Müdigkeit, weshalb seine Mutter es ermahnte und ihm drohte, dass es allein zurückbleibe, falls es einschlafen sollte. Sie sprach über sich in der dritten Person. Sie bezeichnete das Führerscheinfoto als Bild "der blass und krank aussehenden Mama". Der Junge fragte, ob er den Führerschein haben könne, wenn die Mama gestorben sei.
Ich verließ beim Ausgang Resselpark den U-Bahn-Schacht und atmete kalte würzige Luft ein. Ich steuerte in die Argentinierstraße und betrat atemlos das Rundfunkgebäude.
In der ersten ging es um eine Fotosession.
Sie können sich denken, wie das lief, und welche Art von Klamotten in dem Nachziehkoffer waren. Sie werden nicht mehr darüber erfahren.
Ich sprang in eine überfüllte U-Bahn zum Karlsplatz. Dorthin sind stets außergewöhnliche Figuren unterwegs. Mir gegenüber, ich hatte einen Sitzplatz ergattert, erklärte eine Passagierin in gedehnten Worten ihren beiden Kindern einen Führerschein. Der Junge durfte den Ausweis halten und sich das Bild ansehen. Das Mädchen kämpfte gegen die Müdigkeit, weshalb seine Mutter es ermahnte und ihm drohte, dass es allein zurückbleibe, falls es einschlafen sollte. Sie sprach über sich in der dritten Person. Sie bezeichnete das Führerscheinfoto als Bild "der blass und krank aussehenden Mama". Der Junge fragte, ob er den Führerschein haben könne, wenn die Mama gestorben sei.
Ich verließ beim Ausgang Resselpark den U-Bahn-Schacht und atmete kalte würzige Luft ein. Ich steuerte in die Argentinierstraße und betrat atemlos das Rundfunkgebäude.
Near fragment in time
Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg war die Judengasse Ausläufer des so genannten Textilviertels, auch „Fetzenviertel genannt. Die Geschichte dieses Viertels ist gleichzeitig Teil der Wiener jüdischen Geschichte. Die Aufhebung des Zunftzwangs eröffnete den Juden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch den Weg in den Detailhandel, einer der bevorzugten Zweige war der Textilhandel, der hier im ersten Bezirk rund um die Marc-Aurel-Straße und den Salzgries sein Zentrum fand.
pp 66 from Jüdisches Wien - Stadtspaziergänge by ,
Near fragment in space
Ich wollte das Wien aus dem Buch [Ingeborg Bachmann: Malina] entdecken, erforschen und untersuchen; die Schauplätze und Handlungsräume in Karten einzeichnen; die Stadt, die Orte zeigen, wo das stattfindet, wo alles spielt;
Es ließ sich nichts finden.
Vielleicht hat sich alles so sehr verändert seitdem.
Vielleicht haben mich die Namen in die Irre gehen lassen. An den Orten spielt ja nichts. Es werden nur schöne Namen genannt.
Mit Sicherheit kann ich sagen, dass es an der Alten Donau nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich weiß jetzt: In Kagran steht Wiens größtes Einkaufszentrum und eine Menge Plattenbauten.
Wie wir schon lange wissen, braucht man in den Stadtpark, in die Beatrixgasse, in die Ungargasse, nicht zu fahren. Hier duftet es nicht nach Märchenzeit; man riecht nichts, man spürt nichts.
Nachdem ich das alles wusste, habe ich die Suche aufgegeben. Ich habe die Arbeit abgebrochen. Es hat mich nicht mehr interessiert. Mich hat das Buch nicht mehr interessiert. Mich hat diese Stadt nicht mehr interessiert. Ich spielte darin keine Rolle mehr. Ich kam darin nicht mehr vor.
pp 131 from Verlass die Stadt by
Es ließ sich nichts finden.
Vielleicht hat sich alles so sehr verändert seitdem.
Vielleicht haben mich die Namen in die Irre gehen lassen. An den Orten spielt ja nichts. Es werden nur schöne Namen genannt.
Mit Sicherheit kann ich sagen, dass es an der Alten Donau nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich weiß jetzt: In Kagran steht Wiens größtes Einkaufszentrum und eine Menge Plattenbauten.
Wie wir schon lange wissen, braucht man in den Stadtpark, in die Beatrixgasse, in die Ungargasse, nicht zu fahren. Hier duftet es nicht nach Märchenzeit; man riecht nichts, man spürt nichts.
Nachdem ich das alles wusste, habe ich die Suche aufgegeben. Ich habe die Arbeit abgebrochen. Es hat mich nicht mehr interessiert. Mich hat das Buch nicht mehr interessiert. Mich hat diese Stadt nicht mehr interessiert. Ich spielte darin keine Rolle mehr. Ich kam darin nicht mehr vor.
