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Die Stadt ohne Juden - pp 79
»Weißt, Alte, wir braucheten einfach ein paar jüdische Banken, das ist alles! Früher, als ich noch mein kleines Geschäft in der Stumpergassen gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mußte, zum krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie müssen sich jetzt mit Mark eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der Valuta verdient! Aber jetzt – die Affen, die jetzt in der Bank beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net aus und alles geht kaput, sag' ich dir!«
Near fragment in time
Deß zum Zeichen erhebt sich noch heute aus Zeiten vor einer anständigen Jahreszählung und Stadtchronik der sogenannte "Stock im Eisen". Das war einmal ein wichtiger alter Baum, eine Esche, eine Eicher oder so etwas, der stand mitten in der Stadt mit ihren Ringmauern, einen guten Steinwurf weit von dem Platz, auf dem sich heute der "Steffel" (Stephansdom) erhebt. Wirklich, dieser Struk steht heute noch da, mit Eisenbändern an den Marmorblock geschmiedet, der zum Fundament eines modernen Riesengebäudes gehört. Fremde kommen ihn sehen. Er ist von Eisentragen verbessert, wo er aus Alter und Schwere einknicken will. Aus Schwere: denn er ist über und über mit Eisennägeln beschlagen, dicht aneinander, wie von einem Klitterpanzer, und von dieser Haut ist er, neben dem Alter wie durch einen Anähnlichungsprozesß durch- und durchgeeisent. Er steht also auf einem Sockel in einer Nische. In dem Gebäude haust eine große Bank - in jeder Ecke haust heute natürlich eine Bank, früher waren es Cafes, hier entstanden die Banken an kleinen Tischchen bei langen Geschäftsgesprächen - und ein Reisebüro. Nämlich, der Baum im Eisen bekam soviel Nägel, weil jeder Handwerksbursch verhalten war, dort einen hineinzutreiben, wenn er Wien passierte; es war das ein religiöses Gleichnis und irgend ein heiliger Fluch wurde dabei gemurmelt. Aus der Schwere des Baumes im Eisen mag man nun erwägen, wie Viele ihrer da vorbeigekommen sein mögen.
pp 104-105 from Wien by
Near fragment in space
Er spazierte über die Mariahilfer Straße, um nach Weihnachtsgeschenken für seine Eltern zu suchen. Wie viele andere Familien hatten auch sie schon vor Jahren verabredet, dass sie sich nichts schenken würden - doch diese Abmachung hatte alles nur noch komplizierte gemacht: Jetzt konnte er nicht einmal mehr fragen, was sie gerne hätten. Und er selbst konnte nur hoffen, dass seine Mutter beim üblichen Rollkragenpullover nicht wieder ihre Lieblingsfarben mit seinen verwechselte. Die losgelassene Einkaufswut auf der Mariahilfer Straße ging ihm jedoch schon nach ein paar Minuten so auf die Nerven, dass er in die Neubaugasse flüchtete. In einem Werkzeuggeschäft kaufte er für seinen Vater zwei feine Schnitzmesser - geschmiedet in Japan und zu einem Preis, den sein sparsamer Vater nie erfahren durfte, da ihm sonst jede Freude an dem Geschenk verginge.
pp 208-209 from Ohnmachtspiele by
