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Die Arbeit der Nacht - pp 94-

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Mit dem Auto auf der Donauinsel voranzukommen war nicht schwierig, doch er fürchtete, etwas Wichtiges zu übersehen. So machte er sich zu Fuß auf den Weg. Bald stieß er auf ein Geschäft, das Fahrräder und Mofas verlieh. Er erinnerte sich, hier zusammen mit Marie eine jener Fahrradkutschen gemietet zu haben, mit denen man durch italienische Badeorte fuhr.
Abgesperrt war nicht. Die Schlüssel für die Mofas hingen and der Wand. An jedem klebte ein Zettel mit der Kennzeichennummer.
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  Donauinsel

Near fragment in time

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Im Anschluss suchte er frisch gestriegelt das k. k. Hof-Naturalienkabinett auf. Nach zwei Weltkriegen und einer untergegangenen Monarchie war es zwar in Naturhistorisches Museum umbenannt worden, doch das Fehlen des Adelstitels tat der Bewunderund Johannes Gerlitzen keinen Abbruch. Kaum dass er den aufsgestopften Hund des Museumsgründers Franz Stephan von Lothringen an der majestätischen Eingangestreppe betrachtet hatte, war er froh, so früh aufgestanden zu sein. Er blieb, bis ihn der Saalwächter nach Hause schickte, und hatte dennoch das Gefühl, nicht lange genug dort gewesen zu sein. Endlich sah Johannes Gerlitzen all die anderen Würmer, die nicht in seinem Darm gewesen waren und von denen er nur gelesen hatte: Bandwürmer, Fadenwürmer, Saugwürmer der Lunge, Saugwürmer der Leber, Schweinelungen gespickt mit Finnen und unzählige mehr. Es gab sogar Mikroskope, an die sich der Beuscher unter den Argusaugen des Saalwächters setzen konnte, um die Körper von Würmern vergrößtert zu bestaunen. Wie fein die Glieder waren! Wie stark ausgeprägt die Fangzähne! Johannes lief es kalt den Rücken herunter bei dem Gedanken, dass sich solche Zähne einst in der Innenwand seines Dünndarms verkeilt hatten. Die meiste Zeit verbrachte er im Saal der wirbellosen Weichtiere, aber er spazierte auch durch die anderen Säle des Obergeschosses. Die Steine und Mineralien im Parterre sparte er aus - inmitten der Vielfalt der Welt hatte er das Gefühl, in St. Peter sein Leben lang genug Steine gesehen zu haben. Manchmal bekam er Atemnot und musste sich setzen. All die Eindrücke überwältigten ihn, und er war überfordert von der Frage, wie er den Rest der Welt bisher hatte ignorieren können. Wie war es möglich, auf diesem gewaltigen Erdball zu leben, und nichts anderes zu kennen als den Ort, in dem man geboren und aufgewachsen war? Johannes Gerlitzen setzte sich auf einen Schemel und atmete tief ein. Im Naturhistorischen Museum roch es intensiv nach Alaun, Aluminiumgerbstoff und Borsäure. Die Saalwächter mussten aus diesem Grund nach einem Arbeitstag zwanzig Minuten mit sehr viel Seife duschen, doch für Johannes Gerlitzen war dies der Duft der Freiheit.
pp 38-39 from Blasmusikpop by Vea Kaiser

Near fragment in space

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Um 18 Uhr beschloss Anna, noch rasch schwimmen zu gehen. Sie hatte vor Wochen einen alten Sportbadeanzug und ein Handtuch in ihre Schreibtischschublade gestopft, fest entschlossen, diesen Sommer nach Dienstschluss regelmäßig zur Neuen Donau, einem Seitenarm der Donau, zu fahren, doch bisher war es bei dem Vorsatz geblieben. In der U-Bahn fröstelte sie, die Wiener Verkehrsbetriebe hatten vor zwei, drei Jahren die Klimaanlage entdeckt, und seither kühlten sie die Züge unbarmherzig auf gefühlte sechzehn Grad. Sie beobachtete eine junge, völlig genervte Mutter, die versuchte, ihren hyperaktiven Zweijährigen daran zu hindern, aus dem Buggy zu klettern, was schließlich in einem zweistimmigen Schreikonzert endete. Fast hätte sie das dezente Klingeln ihres Handys überhört. »Hallo, Frau Habel. Wo sind Sie denn? Holen Sie Ihren Sohn vom Kindergarten ab?« »Herr Friedelhofer! Nein, nur in der U-Bahn. Warten Sie, ich geh mal ein Stück weg.« Anna war sicher, dass die Kaugummi kauende, blondierte junge Frau mit Tigertop nur darauf wartete, dass sie den Blick von ihr nahm, um ihrem Sprössling einen »gesunden Klaps« zu verpassen, und warf ihr einen strengen Blick zu, bevor sie durch den Wagen bis ins hintere Ende ging. »So, jetzt kann ich Sie verstehen.« »Haben Sie schon was vor heute?« Na, der geht aber ran. Schon wieder ein Date? »Nein – oder eigentlich doch. Ich wollte gerade schwimmen gehen.« »Das trifft sich gut. Ich auch. Wo sind S’ denn?« »Neue Donau. Einfach da bei der U-Bahn schnell reinspringen.« »Da sind doch nur Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Kampfhunde.« »Die tun mir nichts. Alles andere lohnt sich nicht mehr um diese Zeit.« »Na gut. Ich komm hin. Einer muss ja auf Sie aufpassen. Ich bin in zwanzig Minuten da.«
pp 310-311 from Bis zur Neige - Ein Fall für Berlin und Wien by Petra Hartlieb, Claus-Ulrich Bielefeld