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Ewig - pp 152

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Der Felsenberg rechts hinter Josef könnte den Wienerberg darstellen.
  Ewig
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  Wienerberg

Near fragment in time

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Das Erste, das Bronstein ins Auge fiel, als er die "Wiener Zeitung" vom Tage aufschlug war die Todesanzeige für den alten Demand. "Tieferschüttert geben wir bekannt, dass unser innigst geliebter, unvergesslicher Gatte, Vater, Schwiegervater, Großvater", stand da zu lesen, "uns am Sonntag, dem 1. Juli 1934, plötzlich inmitten seines ständigen Schaffens und wirkungsvollen Lebens durch den Tod entrissen wurde." Das haben sie aber schön gesagt, dachte Bronstein und unterdrückte ein Grinsen. Doch es kam noch besser: "Die entseelte Hülle des teuren Verblichennen wird in der Dr. karl Lueger Gedächtniskirche auf dem Wiener Zentralfriedhofe aufgebahrt, dortselbst Donnerstags, dem 5.Juli 1934, um 12 Uhr 10 feierlich eingesegnet und sodann auf demselben Friedhof nach nochmaliger Einsegnung in die Familiengruft zur ewigen Ruhe gebettet.
pp 125 from Tacheles by Andreas Pittler

Near fragment in space

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Beide wurden wirt Mitglieder in einer Organisation zur Rückholung von Freiräumen, soll heißen: einer Gruppe von HausbesetzerInnen - HausbesetzerInnen, bei denen man das große I sogar hören konnte.
Das aktuell rückgeholte Haus stand in Favoriten, ein einigermaßen großer Sichtziegelbau, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde und seit einigen Jahren leer stand. Langsam tappte ich im Halbdunkeln durch einen Gang, zählte dabei die Türen, an denen ich vorbei ging. Die Fenster waren fast blind, das schräg einfallende Licht hatte einen starken Gelbstich. Das ist der Moment, in dem in Horrorfilmen die Hauptfigur von einem Geräusch aufgeschreckt wird und dann fragt: "Ist da jemand?", aber nicht auf die Antwort wartet, sondern gleich nachsehen geht. Und, natürlich, es ist immer jemand da, aber keine Person, der man begegnen möchte.
Eine Glasscherbe zersplitterte unter meinem Schuh in viele kleinere. "Zellteilung", kicherte ich vor mich hin und verstummte im nächsten Moment. So fängt der Wahnsinn an.
In einem leeren Raum stand ein Stuhl mit nur drei Beinen, und ich fragte mich, wie das funktionierte; auch das könnte mit Wahnsinn zu tun haben.
Ich sah durch eines der zerbrochenen Fenster nach draußen. Unsere Feuer im Hof gaben Rauchzeichen an die Nachbarschaft. Doch bevor sie den Rauch sahen, hatten sie uns bestimmt schon gehört. "Lieber besetzen statt besitzen!" rief jemand in der Nähe des Feuers, und ich musste lächeln. Hier waren wir. Ein gutes Gefühl.
Die Parolen verschmolzen zu einem einzigen Stimmenmeer. Wir waren eine Welle, die sich an der Staatsgewalt brach. Um mich herum nichts als die hohen, durchsichtigen Abwehrschilde der Polizei, die ich in der Eile nicht zählen konnte. Wie es schien, waren einige Personen mit unseren Rückholaktionen nicht einverstanden. Ich wartete auf einen Schmerz, der nicht kam.
"Wir wollen keine Bullenschweine", schrie ein dünnes Mädchen direkt neben meinem linken Ohr. Mein Trommelfell schmerzte, ich riss mir das Tuch vom Gesicht, um in der Hitze freier atmen zu können. Von links hörte ich Schreie und das Geräusch der Wasserwerfer. Von allen Seiten bedrängten mich Menschen, es waren zu viele, der Platz zu eng, der Himmel hing zu tief, ich ging zu Boden. Und wartete auf die Füße. Aber eine Hand streckte sich mir entgegen, und ich sah weißblondes Haar und eisblaue Augen, während mich die Hand hochzog.
Dann bemerkte ich, dass die Polizeimauer hintermir war und vor mir nur dieser belustigt und zugleich ernst dreinblickende Mann, ich sah in seine Augen, heilige Scheiße, dachte ich, und dann ging alles zu schnell.
"Faschistenschwein!", brüllte ich ihn an, sodass er verblüfft zurückwich.
Mich in meinen eigenen Füßen verheddernd, stürzte ich davon, einfach weg, bis ich keuchend stehen bleiben musste, vor meinen Augen statt roter Sterne nur noch grelle Flecken.
pp 145-148 from Chucks by Cornelia Travnicek